Ich erinnere mich gerade jetzt kurz vor der Wahl an meinen japanischen Vater, wie ich ihn einst fragte, wen er wählen würde.
Er schwieg lange, bevor er antwortete: „Am Ende geht es nur um eine Frage: Ist dieser Mensch würdig, Macht zu haben?“
In seiner Einfachheit lag die Weisheit der Samurai, die mich bis heute begleitet.
Politik als Charakterfrage.
So schlicht.
So fundamental.
Morgen werden wir wieder wählen. In Japan hingegen gaben bei der Parlamentswahl am 27. Oktober 2024 nur 53,85 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab – die drittniedrigste seit Kriegsende. Nicht aus Bequemlichkeit blieben sie fern, sondern aus Enttäuschung, aus Frustration, aus Hilflosigkeit.
Die Ironie dieser Situation entbehrt nicht einer gewissen Tragik: Ausgerechnet in Japan, der Heimat des Samurai-Kodex mit seinen sieben Tugenden – Respekt, Ehre, Loyalität, Wahrheit, Mut, Etikette und Rechtlichkeit – hat sich eine so tiefe Kluft zwischen Bürgern und politischer Klasse aufgetan.
Anders als viele japanische Wähler haben wir aber noch nicht aufgegeben.
Wir gehen zur Wahl. Aber wir sollten mehr tun, als nur mechanisch unser Kreuzchen zu setzen. Wir sollten wählen mit dem Bewusstsein, dass wir nicht nur über Programme abstimmen, sondern über den Charakter unserer Demokratie.
In Zeiten der Polarisierung, der verhärteten Fronten und Echokammern brauchen wir vielleicht keine ausgeklügelten Algorithmen oder noch raffinierteres politisches Marketing.
Vielleicht ist die Lösung viel einfacher – und zugleich anspruchsvoller: Charakter.
Wenn wir am Sonntag in der Wahlkabine stehen, haben wir die Chance, nicht wie viele Japaner aus Verzweiflung zu schweigen, sondern laut zu sprechen. Mit unserem Kreuz. Mit unserer Entscheidung für Menschen, die diese zeitlosen Tugenden verkörpern.
Die Samurai sind Geschichte. Doch ihre Weisheit ist keine japanische Eigenheit – sie verkörpert universelle Werte, die in jeder funktionierenden Gemeinschaft ihren Platz haben müssen.
Mein Vater würde das sofort unterschreiben.
Sofort.